Was sagt die Gestaltung eigentlich über unsere Gesellschaft aus? Gestaltung ist ein Denkspiegel, der offenbart, welche Prioritäten wir setzen und welche Weltsichten, aber auch Realitäten, in einem bestimmten Zeitraum sichtbar werden. Nehmen wir zum Beispiel die Architektur – die Disziplin, die Kreativität und Technik vereint wie kaum eine andere Gestaltungsrichtung. Ich habe mit meiner Kamera im Streetphotography-Stil ein paar Bilder von Neubauten gemacht. Was nimmst du in den Bildern wahr? Es sind sehr schlichte, reduzierte Anmutungen: oft einfarbig, gedeckte Farben oder Weiß, symmetrische Linien, Beton- und Glasraster. Es sind unauffällige Bauten – nichts Überflüssiges, nichts Dekoratives, nichts, was nicht absolut notwendig ist. Da liegt unsere Welt begraben. In diesen Gebäuden. In dieser Gestaltung. Ein offenes Buch über den Zeitgeist. Was meine ich genau, und was sagt diese Reduziertheit aus? Es sind mehrere Punkte, die ich machen möchte: 1. Hektik nach außen kompensieren 2. Neoliberale Effizienz – oder: die gekaperte Idee Interessant dabei: Diese reduzierte Formensprache war nicht immer neoliberal motiviert. Die frühe Moderne – Bauhaus, Deutscher Werkbund – hat Ornament schon Jahrzehnte vor dem Neoliberalismus verbannt, aber aus fast entgegengesetzten Gründen. Es ging um Ehrlichkeit der Form statt Kaschierung, um Hygiene, vor allem aber um einen sozialreformerischen Gedanken: Gutes, schlichtes Design sollte für alle erschwinglich sein – Ornament galt als Statussymbol einer Bourgeoisie, die sich Stuck und Verzierung leisten konnte, während der Rest der Gesellschaft leer ausging. Reduktion war hier ein Gleichheitsversprechen, keine Sparmaßnahme. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich diese Bedeutung gedreht. Was als anti-elitäre, fast idealistische Geste begann, wurde zur reinen Kostenoptimierung. Die äußere Form ist gleich geblieben – schlicht, reduziert, ornamentlos – aber der Antrieb dahinter hat sich komplett gewandelt: von Moral zu Ökonomie, von Idealismus zu Pragmatismus. Dadurch stirbt das Ornamentale. Dem möchte ich einen eigenen Punkt widmen. 3. Das Verschwinden des Ornamentalen 4. Budgetrealität und fehlende Wertschätzung 5. Die Fetischisierung des Minimalismus Es gibt sicherlich noch mehr Punkte, aber diese sind aus einer bestimmten Perspektive heraus wesentliche Merkmale. Und natürlich ist dieser Post ein Aufruf zu einer ornamentalen Lebensgrundhaltung: Schmuck nicht, um etwas zu schmücken, sondern um seiner selbst willen – jenseits jedes Überlebensduktus, und damit in purer Lebendigkeit. Tranzparenzhalber: Die Grundgedanken der neoliberalen Kritik, sowie das Abhandenkommen des Ornamentalen ist inspiriert von Byung-Chul Han.
Es ist ein Zeichen für die Hektik und Turbulenz unserer Zeit. Wir wünschen uns nach außen eine reduzierte Fassade, weil unser Innenleben alles andere als reduziert ist. Wir reagieren fast allergisch auf zu viel Farbe, Form und Muster, weil das die Angst weckt, noch mehr Unruhe in uns auszulösen. Im besten Fall bewirkt die reduzierte Gestaltung das Gegenteil: Beruhigung. Das spiegelt sich oft auch im Inneren wider – durch weiße oder helle Einrichtungen, die derzeit sehr beliebt sind.
Sobald man sich die Frage stellt „Braucht es das?", befindet man sich im Raum des neoliberalen Denkens. Ein Symptom des Neoliberalismus ist die Optimierung aller Ressourcen des Lebens – sei es Geld, Zeit, Material, you name it. Ist etwas unbedingt nötig, folgt es einem Zweck? Wenn nicht, kann es weg. Es ist ein unternehmerischer Ansatz, Gestaltung auf ihren Zweck zu reduzieren.
Das Ornamentale entzieht sich jedem Ziel und Nutzen und schafft gerade dadurch Kultur und Lebendigkeit. Denn rein nutzengetriebenes Denken ist ein Überlebensdenken, dem die Lebendigkeit abhandenkommt. Auch ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Nicht Krieg oder Waffen, sondern Fest und Schmuck gelten vielen als Quellen unserer Kultur. Mit anderen Worten: Alles, was keine Direktheit in sich trägt, sondern den Umweg braucht. Das Wesentliche unserer Kultur ist ornamental – jenseits der Frage „Was bringt es mir?"
Natürlich darf man den realpolitischen Aspekt der Budgetknappheit nicht unterschlagen. Ich glaube, kein Bauherr würde mit einer Ausschreibung, die 400.000 € für ornamentale Dekoration an einem Seniorenheim vorsieht, eine staatliche oder kommunale Vergabe gewinnen. Es geht ja auch ohne, und das ist günstiger. Ich glaube aber, dass Budgets frei würden, wenn wir den kulturellen Effekt einer ornamentalen Haltung mehr wertschätzen würden. Dem ist aktuell nicht so. Bei Einfamilienhäusern ist das ähnlich – und selbst ganz ohne Ornament zahlt man oft ein Leben lang ab.
Minimalismus und Reduziertheit erleben sicherlich seit einigen Dekaden ihre Blüte. Dass darin eine gewisse Ästhetik liegt, möchte ich gar nicht bestreiten. Doch die dominante Omnipräsenz beeinflusst unseren Geschmack und unser Verlangen nach dem Status quo. Wir wollen alle das, was andere haben – was sich bewährt hat. Das erzeugt ein Meer des Gleichen. Der Beweis liegt auf der Hand bei der Fahrt durch ein Neubaugebiet.